Barbara: Director's Note

Director's Note

Irgendwie kommt die DDR in den Filmen der letzten Jahre ziemlich entsättigt daher. Keine Farben, kein Wind, es herrscht das Grau der Grenzübergänge und die Gesichter müde wie die der übernächtigten Passagiere im Liegewagen des Interzonenzuges im Bahnhof Gera.

Es ging uns nicht darum, das Portrait eines Unterdrückerstaates zu filmen. Und dagegen dann die Liebe zu setzen, die unschuldige, reine, befreiende. Wir wollten keine Symbole. Man decodiert sie, und nichts bleibt übrig, nur das, was man schon zuvor gewusst hat.

In der Vorbereitung haben wir viele Filme gesehen. Einer der Filme, die uns am tiefsten beeindruckten, war TO HAVE AND HAVE NOT von Howard Hawks. Hier gibt es zwei Liebende, Bacall und Bogart,  die sich misstrauisch beäugen, die betrügen und lügen, die umgeben sind von einem Polizeiapparat und die gezwungen sind, immer zwischen den Zeilen zu sprechen. Das Merkwürdige: Die beiden können damit umgehen. Haben Spaß an der Art und Weise, wie der andere damit umgeht. Die Eleganz, die Klugheit, die präzisen Scharmützel ihrer Dialoge, fast scheinen sie befördert von der Verbots-und Kontrollwelt um sie herum. Man sieht, dass die Verhältnisse neue Menschen hervorbringen, die anders küssen, sprechen, blicken.

Ein anderer Film, der uns beeindruckte, war DER HÄNDLER DER VIER JAHRESZEITEN von Fassbinder. Wie hier die 50er Jahre der BRD  da  sind, in der geteilten Heckscheibe eines VW Bullys.  Im echoleeren Klang eines Hinterhofes. In der Enge einer Resopalküche. Das ist nie Kulisse. Das ist ein Raum. In dem geliebt und gestritten und geschwiegen wird, und dieses Lieben und Streiten und Schweigen, das klebt und bleibt, in der Luft, an den Wänden. Das Vergangene nicht vergangen, es reicht hinein, in unsere Gegenwart.

Wir wollten das filmen, was zwischen den Menschen ist, sich aufgetürmt hat, was sie misstrauen lässt, oder vertrauen, abwehren und annehmen.

Bei den Proben erzählte eine der Schauspielerinnen, dass sie die DDR Ende der 70-er verlassen wollte, ein Gastspiel im Westen wollte sie zur Flucht nutzen, und sie hat noch Einladungen zum Abendessen angenommen, obwohl sie wusste, dass sie schon weg sein wird. Für immer. Und diese furchtbare Einsamkeit, die dann doch da ist, denn niemals wird man zurückkehren, und das Leben, was man gehabt hat, wird verschwunden sein. Der Anna Seghers Satz. Wenn Du Deine Vergangenheit verlierst, wirst Du keine Zukunft haben. In den Knochen steckt er ihr, bis heute, sagte sie.

(Christian Petzold)

HomeKontakt + Impressum • Pressebetreuung: www.hoehnepresse.de • Verleih: www.piffl-medien.de • Barbara. Ein Film von Christian Petzold.
Mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Jasna Fritzi Bauer, Mark Waschke, Rainer Bock. Silberner Bär Berlinale 2012 für die beste Regie. • DVDBlu-rayiTunes